[DFL] – Kaleidoskop – Gegen den Strom

10 Jahre derflusswanderer – ein Grund auf dem Boden zu bleiben.

Die Berichte-Serie „Kaleidoskop“ gibt dem aufgeschlossenen Leser, Eindrücke, Einsichten, Ansichten und Anektoden zwischen den Zeilen des Angebotes…..


Gegen den Strom

eine kurze Tour zum kennenlernen der Heimat war geplant. Zwei Familien mit Oma standen fröhlich und motiviert bereit, eine Neckarschleife zu befahren, die sie sonst nur von einer Brücke aus sehen können. Bereits in der Einführung in Boote und eventuell. Tagesprogramm, sprang der Funke über. Oma drohte schon: „ Na warten sie was ihnen alles passiert, wenn sie mit uns auf Tour sind!“. Auch die Teenies sind spaßig. Sie ermahne ich : „das hier ist ohne „Return-Taste“. Es lag etwas in der Luft. Etwas – sagen wir mal „schicksalhaftes“. Etwas würden uns oder mir oder einem der Tag wohl sagen wollen….
Zügig steigen wir ein, weichen Schiffen aus, „betören“ Schwäne und studieren Wasserpflanzen. Eine holperige Umtrage und das Einfahren in eine Strömung auf Kante wird locker gemeistert. Obwohl die Gruppe kaum Übung hatte im selbstständigen Paddeln unter WWI-II, gelang alles Bestens. Auch waren wir im gewünschten Zeitplan. Später – im Schatten einer Weide, nach dem 3. Schwall Weißwasser stärkten wir uns. Was für ein schöner Tag dachte ich, kann ich doch alle meine Teilnehmer zufrieden stellen, auch wenn es Anfangs zeitlich etwas knapp kalkuliert wurde (etwas worauf ich ja immer hinweise: „nichts mehr vornehmen!“). Doch es sollte alles ganz anders kommen! Ein eher kleiner Schwall war vor der letzten Umtrage, etwa 5,5 km vor dem Ziel. Ich fuhr vor, erkundete lange die Lage, kam zurück und wies in die Problematik ein: „Ihr fahrt mir hinterher, denn nur dort wo ich fahre geht es“. Gesagt, getan. Oma hatte sich verguckt und fuhr einen Wackerstein zu weit links in den Wasserfall ein. Sofort verkanteten sie, kippten zum Wasser hin. Der Schwall füllte das Boot, es zerbrach in der Mitte. Beide, die Oma und ihr erw. Sohn wurden weiter hinunter gespült. Am Felsen hing ein unförmiger grauer Sack, von den Fluten aufgeplustert. Die zerbrochenen Holzteile ragten durch das zerstochene Oberdeck. Ich wies an, das beide sich bis zur nächsten Insel hinter dem Fall treiben lassen sollten. Ein Boot hielt nun oben am Wasserfall an und die Besatzung traute sich nicht mehr. Passanten am Ufer bleiben stehen – wie peinlich – keineswegs!
Irgendwie blühe ich dann auf. Nach einem kurzen Versuch, zu Fuß watend das Wrack auf der Bruchkante des Falles zu ersteigen, gebe ich auf. Ich schnappe 
mein Boot, und nehme Anlauf gegen den Wasserfall, von unten her kommend. Es waren 40m auf einer Steigung ungefähr. Kaum ein Meter in dem ich mein Paddel blind eintauchen konnte – alles war voller Steine. Mach einem kraftraubenden Sprint kann ich mich im neu entstandenen Kehrwasser hinter dem Wrack retten. Ich suche einen der nach oben stehenden Staken und binde meinen Einer fest. Dann lasse ich mich auf das Wrack fallen, während die Strömung mir das Boot am liebsten von den Füssen ziehen will. Ich hebe und zerre. Zunächst hält das Wasser und die Strömug gegen, – noch immer brechen Teile. Endlich bekommt der Restrumpf Unterströmung und beginnt über den Felszacken zu rutschen. Ich lasse los und die Strömung reißt mich rückwärts fahrend hinab. Das Seil spannt und das Wrack eines meiner RZ85 wird mir nach gespült. Das Wrack treibt nun weiter im Fluss, allmählich an der Insel meiner Gestrandeten vorbei. Ich paddel so stark ich kann, angefeuert von meinen Schiffbrüchigen am Ufer. Zuletzt konnte ich mich zum Seilwurf heran arbeiten (Wie wertvoll war es doch wieder einmal gewesen, ein Seil dabei gehabt zu haben). Endlich fing einer und zog mich zuerst, dann das Wrack ins flache Wasser. Ich entleere das Boot und sehe dass Bodenleiter und Bordwände mehrfach gebrochen waren auch 3 Spanten – Totalschaden. Doch nur wie sollten wir wegkommen? Es war ja noch ein Stunde Zeit um zurück zu kommen – es war aussichtslos, das zu schaffen. „Wie sollen wir denn jetzt zurück-kommen“ fragte Oma. „ Wir schaffen das schon – keine Ahnung wie!“. Ich baute die heilen Senten aus und schiente damit die Bodenleiter –  mit Panzer-band Es war zu dünn! „Wir brauchen jetzt Weidenruten – wer hat Taschenmesser“. Ist ja prima! Die Truppe watete nun von der Kiesinsel über eine hüfttiefe Senke zum fast senkrechten Ufer, das nur von Weiden gehalten wurde. Dort holten wir uns möglichst gerade Zweige. Ich selbst verlies in einer Art Klettertour, die Wurzel als Treppenstufen nutzend das Flussbett – und dachte immer an meine Touren im Montafon. Vorbei an Schaulustigen, die nun bestimmt seit über einer viertel Stunde uns zugesehen hatten ( die später dann Teilnehmer derselben Tour geworden sind). Stieg ich vor dem Fall in das zurückgebliebene Boot und besprach die Durchfahrt. Das Mädel machte gelassen mit und so kamen wir mit Rauschen und Applaus an der rettenden Kiesbank an, auf der gerade so etwas wie Moses Weidenkörbchen zu entstehen schien. Weiter flocht ich die Ruten in Korbmanier oder nur zwischen die Haut klemmend ein. Der Bruch war an die 2m „überbrückt“. Der Pegel stieg stetig und wir bekamen allmählich ein Platzproblem auf unserem Eilande. Ich setzte mich in das geflickte Restboot hinein und wählte einen leichten Teenie zur Mitfahrt, der eigenen Konstruktion nicht ganz trauend. Immerhin musste ich zeigen, dass man als „Falter“ so etwas „durchzieht“; andererseits wollte ich keinen Gast in ein nicht 100% Boot steigen lassen. Unser Teenie macht das aber ganz gerne – also ein Auge zugedrückt, es wird schon gehen. Die Fahr ging auch weiter – keine Ahnung wie spät es war. Jeder Zeitplan war ja da absurdum geführt. Nun erfuhr ich auch, dass der Sohn der „Oma“ des Nachts von einer Kenterung träumte in ebendiesen Bildern, die gerade selbst durchlebte. Ich begriff nun auch, warum diese Tourvorbereitung von so viel Recherche mit ständigen Änderungen des Pegels und anderen Widrigkeiten geprägt war. Ich hatte bis zu Beginn keine Ruhe und betet auffällig oft für das Gelingen. Er sagte: „als ich das Boot sah, wie es völlig kaputt war, dachte ich nicht, dass man das wieder zum fahren bringt“. Nun – er hatte schon recht. Es fuhr deutlich mit Drall. Aber ich war mir in diesem Augenblick sicher: das hat jemanden etwas zu sagen. Die Gruppe – oder Jemand aus ihr – musste das erleben, auch wenn sich mir nur Ansatzweise erschloss -warum. Keine Angst! Für Philosophie war keine Zeit! Nach einer weiteren Bergtour über eine Schlammrampe, bei der die 10 m- Seile dieses Mal zum Anseilen der Besatzung genommen wurden, damit diese überhaupt einmal hat stehen können, zog ich (oh mein armes Kreuz) dieselben mitsamt dem Boot nach oben. Auch wenn die „Schiebende“ letztenendes nur am Bugbeschlag hing, um nicht wieder ins Wasser zu entgleiten… Dann nutzen wir unsere Paddel um die 10cm Absätze aus Schlamm von unseren Sandalen abzubekommen. Wie bei der Erstürmung einer Burg schoben wir die Boote auf der „naturnahen Umtrage“ gen Dammkrone, durch die Bäume und Dornen hindurch. Wir erreichten den Kanal und wuschen unsere Füsse mit Sandalen dran, bzw. jetzt erkannte man wieder den Unterschied. Die Stimmung war fröhlich in Erfahrung dieses ganz einmaligen Abenteuers, aber erste Müdigkeit stellte sich trotzdem ein. Es waren noch 5km auf dem Kanal zu paddeln. Es in einer Stunde Gegenstrom zu schaffen, war alleine Kräfte mäßig nicht mehr zu machen. Als wir los fuhren setzte der Gegenstrom noch viel mehr zu. Schleuse und E – Werk hatten Durst. Ein hartes Paddeln begann für mich. Immerhin hat das Boot ja Beulen an den Weidenruten – Flickstellen gehabt. Immer wieder dreht das Boot völlig aus der Spur. Eine Ochsentour! Jetzt dringt Wasser ein – viel Wasser! Ein Flicken muss wohl abgegangen sein. Wir müssen nun Kurs halten, Lenzen und gegen die Strömung stellenweise Gieren, Vortrieb schaffen. Es war schwer – wir fielen immer weiter zurück. Mein Teenie hatte nicht die Kraft und ich war ja auch im Verhältnis viel zu schwer. Ständig legte ich das Paddel aus der Hand und wusste nicht wohin und arbeitete mit der Lenzpumpe – fast ohne Erfolg! Die Weidenruten verhinderten ein eintauchen in die Bilge! Sie hatte eine Idee: ich solle doch nach vorne gehen, dann könne sie ja besser Lenzen. Es war ja ein Kanal mit Spundwänden! Also steige ich an der Leiter ein paar Stufen hoch, Sie geht im Boot nach hinten und ich steige von der Leiter aus vorne ein. Nun wurde auch der Wassereinbruch weniger – was für ein Glück! Endlich kommt das Kanalende, über 2h nach spätestem Rückkunft-Wunsch kommen wir an. Die Partygäste wussten zum Glück dass ihre Gastgeber zuvor paddeln waren. Auf der Joggingstrecke am Kanal trafen sie bereits den Nachbarn. Erschöpft, das Boot aus schöpfend, verlassen wir den Neckar an der Stelle des Startes – nur keine 4 sondern 7,5 h später.

Alle waren Glücklich, die Gastgeberin und Helfer in Eile, der Rest saß mit mir vor den Booten im Schatten bei Kaffee und Keks und mussten erst einmal alles verarbeiten. Das Boot habe ich selbstverständlich nicht in Rechnung gestellt!Die Gründe liegen in meinem Reglement, das für diese Art der Strecken alte Boote vorsieht, die kaputt gehen dürfen. Nun war auf diese doch recht abenteuerliche Art erstmalig ein solcher Totalschaden aufgetreten. Es hat mich nicht geärgert.