[DFL] Kaleidoskop: Abenteuer in Südfrankreich

10 Jahre derflusswanderer – ein Grund auf dem Boden zu bleiben.
Die Berichte-Serie „Kaleidoskop“ gibt dem aufgeschlossenen Leser, Eindrücke, Einsichten, Ansichten und Anektoden zwischen den Zeilen des Angebotes…..

Es war ein heisser Sommer. Mit 20 Teenagern und zwei gerade eben einmal 19-jährigen Mitarbeitern hatte ich die Aufagebe bekommen, diese etwas paarungsfreudige und weniger am Marschieren und Durchschlagen interessierte Gruppe zu formen und Abmarschfertig vor den Zeltlager-Leiter in die abfahrbereiten Busse zu setzen. 2-3 Tage sollte ich auf einer wasserarmen, heissen Ebene mit Karte und Kompass wieder in das Zeltlager zurückfinden. Bei Militär war mir ein solche Aufgabe erstmals und sonst oft auch geglückt. Aus meiner Tätigkeit als Küchenmitarbeiter war ich schon einiges von unseren Zeltlagerteenies gewohnt und hätte mich wohl gerne weiterhin im Küchenzelt verkrochen.
Nun war ich dran
mit Leitung einer Gruppe außerhalb des Ferien-Hauptcamps und wollte es schaffen! Nur wie?!? Ich breitete in einem großen Gruppenzelt kleinePlanen aus und legte darauf Spirituskocher, Baguettes, Klopapierrollen, Schmuseteddys, Comics, Wanderkarten, Klappspaten, Kompanden, Liebesromane und allerhand Wichtiges neben völligem Blödsinn, dessen ich im Lager habhaft werden konnte.

Betont gelangweilt und demonstrativ Desinteressiert starrten meine Teens überall hin.
Ich sagte: „ Ihr wollt euch also 2
Tage lang durchschlagen?“ Es traf den Wortführer: „Wieso?!!“ Du musst doch.. „Nein-ich muss nicht! Von mir aus muss ich nicht mit Euch fort. Wir können ja hier im Lager bleiben. Mir ist egal ob wir Fortgehen!“ Ratloses umhergucken. Ich lege nach: „ich dachte ihr wollt raus aus dem Lager?“

Zögerlich melden sich die ersten zu Wort: „doch ich will auf Tour gehen!“ andere stimmten zu, andere schwiegen und guckten auf den Wortführer.
„Ich werde euch nur begleiten! Das ist eure Tour! Ihr wollt die und ich gehe nur mit und
Sorge dafür dass ihr in keine Gefahr kommt!“ Noch mehr Gespräch unter den Teens setzt ein. Schlilich meldet sich der Wortführer: also gut wir wollen die „Durchschlagetour“ machen. Mittlerweilen hatten meine beiden jungen Mitarbeiter auch den letzten „Wandersmann“ im Schlafsack eines Mädels gefunden und im Zelte abgeliefert.
„Gut – fahre ich fort: hier sind auf 12 Planen Essen, Geschirr, Gegenstände die wir mitnehmen müssen – schafft ihr das? Alles schreit fast schon „Nein“ – richtig-
das ist viel zuviel! Guckt mal, was ihr braucht“. Die Teens gehen um alle Planen auf den Boden und heben mal ein Fernglas, mal einen Klo-Pömpel auf und beratschlagen. Der erste beginnt einzusammeln was man mitnehmen wolle, der Nächste berechnet die Baguettmenge, Spiritusmenge und Kocheranzahl, wieder eine Andere sagt, dass die Madels nicht alles werden tragen können und bespricht das mit den „starken Jungs“ was diese für sie tragen können. Auf der Plaen meines mustergepackten Rucksackes sehen alle Teenys, was ich mitnehmen werde und wohin schwere und leichte Sachen im Rucksack kommen werden. Die „starken Junges, die sich gerne bereit erklärten, ihren angebeteten Liebsten die zu schweren Sachen zu tragen, schreiten nun zur Tat und entleeren mit deren Zustimmung deren Rucksäcke. Die Mädchen sind nun bereit auch Sachen daheim zu lassen. Allmählich begreift die gesamte Gruppe dass alles an Baguettes, Kocher, Klopapier in die eigenen Rücksäcke muss! Es beginnt eine Phase des Ausleerens und daheimlassens nicht so wichtiger Gegenstände. Es wird beschlossen, dass einige Gegenstände auch Kollektiv verwendet werden müssten (Sonnencreme, Zahnpaste, u.v.m) Mir werden Dinge des Gemeinschaftsgutes auf meine Plane gelegt, die ich mitnehmen soll. Meine punktuelle Steuerung des Prozesses oder kurzen Einwürfe beschleunigen den Prozess. Auch wenn die vielen Grüppchen zu laut werden, oder eine Erkenntiss formulieren, die alle anderen auch wissen müssten. Schließlich werden die Rucksäcke unter meiner Anleitung an die einzelnen Teenies angepasst. Mit einem Rucksack auf dem Rücken und Wäscheteile die zurückbleiben sollen, verlassen alle das Gruppenzelt. Die übrigen Leiter und Gruppen des großen Lagers schielten schon argwöhnisch auf unser Vorbereitungszelt. Immerhin waren 4 Stunden vergangen – das war Rekord in all den Jahren dieser Ferienarbeit!
Ich kürze nun den Bericht. Nach einer Höhlenbesichtigung entschwanden die Busse unserem Gesichtsfeld. Es staubte und es war sehr heiß. Nun formierte ich die Gruppe zum Marsch querfeldein. Die
Jungs, die auf der Plane Karte und Kompanden attraktiv fanden (und schon einen Kurs mit mir machten) , wurden zum Kopf beordert. Die Höhle war auf der Karte schnell gefunden. Das Lager lag in 30 km Entfernung – Luftlinie ohne Wasser! In der Vorplanung besprach die Gruppe pro Marschierenden 3 Liter zu haben. Die Flachen waren voll, es waren fast 38 Grad, die Hüte waren meist breit krempiger. Nach Ein-nordung der Karte, erfolgte Peilung durch den Kompassführer, kontrolliert von dessen 2ten, der die Rechwinkeligkeit prüfte -so hatte ich es den Fünfen beigebracht. Über die zunächst baumlose Ebene schicken sie Einen voraus und ließen ihn auf Peillinie stehen, bis sie aufgeschlossen hatten. Am Waldesrand merkten sie einen Baum und ließen Einen stehen, bis die Gruppe ankam und verharrte. Nun konnte der Nachzügler bestätigen, ob der Baum richtig getroffen worden war oder doch 10 Bäume daneben lag. Diese Dinge hatte ich zuvor im Kurs „Kompassgehen“ vermitteln können. Im ersten Ort suchten wir nach einer Wasserquelle – und siehe da, keiner kam in 2h unter 1,5l Verbrauch weg. Diese Erkenntniss löste wiederum ohne mein großes Zutun ein Strategiegespräch unter den Teenies aus: „Wo war der nächste Ort“ mit Wasser?“ Würde man denn über Nacht direkt das Ziel ohne Wasserquelle erreichen können? Sicher nicht! Also neue Peilung und es ging ins Ungewisse. Der Kopf wechselte immer wieder durch. Das Schlusslicht hielt „vereinbarungsgemäß“ die Klo rollen inne. Musste ein Teeny im Gebüsch verschwinden, nahm es das Klopapier und eine knallrote Wäscheklammer in Form eines Vögelchens mit sich. Sobald es hinter die Zweige eines Baumes entschwand klemmte sie besagtes „Vöglein“ an einen solchen Ast. So sollten wir im Falle eines längeren wegbleiben von der Gruppe wissen, wo sie in den Wald ging, um ggf. nach ihr zu suchen. Die Jungs, die es sehr einfach hatten, die Bilge zu entleeren, wussten nun auch vor welchen Busch man sich nicht stellen sollte. Das „Schlusslicht“ gab dann auch immer Signal auf „langsam“ es fehlen welche. In Kurven und Dickicht schickte die Navigation immer wieder „Sprinter“ voraus, – denen die Hitze nichts auszumachen schien – mit einem Erkundungsauftrag, wie“ geht der Weg weiter oder ist das nur ein alter Forstweg? Wieviel Schritte sind es bis zu dieser Kreuzung? Die Truppe wartete mehr als einmal auf die Rückkunft des „Kundschafter“. Jede dürre Dornenhecke war für den Halt genehm, Hauptsache Schatten! Der Mittelteil wechselte öfters die Rucksäcke, Jungs trugen auch einmal zwei Gleichzeitig, ab und an wurde gesungen, einmal eine Blase abgeklebt, u.s.w. Es wurde dunkel und eine nicht in der Karte auszumachende Anhöhe mit Kalkstein und Steinflechten, von wenig Erde umbettet war gefunden. Die Teenys freuten sich nun darüber dass ihre „Stunde“ gekommen sei. Schon wurden die Schlafsäcke in Position gerückt – eine heiße Nacht stand nicht nur temperaturmäßig bevor. Meine Aufgabe war es auch – im Interesse der Eltern der Mädchen-, das zu unterbinden. Meine beiden Mitarbeiter sagten mir: „Jörg, das schaffen wir nicht -lassen wir es doch zu“ – oder so ähnlich waren die Worte. Wieder einmal stand ich mit dem Rücken zur Wand. Was sollte ich tun? Auch der Mitarbeiternachwuchs sah nun erwartungsvoll auf einen Hauptamtlichen. Nach einem Stoßgebet zum Schöpfer aller menschlichen Schönheit, immer noch ratlos, rief ich alle zu mir. Ich hatte mein Lager in Militärmanier außerhalb, in einer Halb senke getarnt errichtet um ggf. Herannahende zu erkennen ohne selbst in deren Erkundungsfeld zu gelangen. Langsam trabten sie heran. So sprach ich: „Also gut – ihr könnt Euch zusammenlegen wie ihr wollt – aber ich lege mich dann dazwischen!
Die Augen meiner 19-jährigen Mitarbeiter strahlten, ich grinste in mich rein „wie kam ich denn auf diese Idee?“ während ich also mein Lager polsterte sah ich, wie meine beiden Mitarbeiter nu
n ständig die Entknäuelung der Schlafsäcke anordneten. Die Flächenbelegung wurde nun deutlich größer, da meine Beiden ihre Schlafsäcke neben die bekannten „Betthupferl“ legten. Dies führte auch dazu, dass es nun Jungs- und Mädchengruppen gab, die sich vom Kernlager selbst weiter als 10m entfernten. Dort lagen ja die Leiter. Von denen wollte man ja im Alter von 13-15 Jahren abstand haben. Somit konnte diese Nacht mit einem maximalen Händchenhalten der besonders Verliebten überstanden werden.
Der Folgetag begann
nach einer traumlosen Nacht, den Wind im Ohr vor 6 Uhr. Ich muss wohl doch recht müde gewesen sein. Es war kühl. Um 8.00 war es schon heiß. So ging die Gruppe selbstorganisiert und mit für dieses Alter in maximaler Verantwortlichkeit in die nächste Etappe. Es waren Jugendliche die zum ersten Mal auf einem Lager waren, oder zum ersten Mal ihren Rucksack ernsthaft benutzen durften. Von den vier ausgesetzten Gruppen, kam nur meine innerhalb des Zeitplanes zurück, ohne Meuterei, ohne Aufgabe der Leiter oder Mitarbeiter selbst, ohne den lagereigenen Such- und Abholdienst bemühen zu müssen…..

Darum erzähle ich dir das:
Hätte ich selbst die Verantwortung für deren Motivation auf mich genommen, oder die angebotene Rolle des Belehrenden angenommen, wäre das nicht halbwegs so perfekt geworden.
Gewonnen habe dabei die Teenys und unsere neuen Mitarbeiter.

Autor: derflusswanderer jörg, 2017