[DFL] Kaleidoskop – Goldmarie

10 Jahre derflusswanderer – ein Grund auf dem Boden zu bleiben.
Die Berichte-Serie „Kaleidoskop“ gibt dem aufgeschlossenen Leser, Eindrücke, Einsichten, Ansichten und Anektoden zwischen den Zeilen des Angebotes…..

Eine kurze Tour mit einer Rheinquerung sollte für eine Gruppe erfahrener Kanuten an einem sonnigen, aber windigen Sonntag Nachmittag organisiert werden. Es ging ja nur um 5-7 Km. Wir trafen uns bei Philippsburg im Schatten der Kühltürme und übten zunächst alle Manöver um zu wissen, mit welchem Fertigkeiten-stand ich dann mit Allen den Rhein zu queren hatte. Die bunt gemischte Gruppe aus alle Altersklassen und Kajak-. Bzw. Kanadiertypen paddelte fröhlich drauf los. Dank der wenigen Wellen konnten alle Tonnen ausgelassen und das gegenüberliegende Altwasser erreicht werden. Während der Naturführung war die Sonne weg. Immer länger bleib sie aus und der Wind täuschte über die Wetterentwicklung hinweg. Schnell verfinsterte sich nun der Himmel. Er fiel mir fast ins Wort. Wir wollten noch schnellstens die Umtrage in 500 m und deren dichtes Blätterdach erreichen. Doch das Wetter war zu schnell im Umschwung. Während wir noch alle auf einer Insel im Sumpf aussetzen wollten, begann es sogar zu Hageln. Es wurde bitterkalt. Schnell gingen alle ans Ufer. So schnell ich konnte baute ich den Kocher auf und versuchte ein Regendach unter einer kleinen, halb umgefallenen Weide zu errichten. Die Teilnehmer waren etwas verdutzt dass sie nun eine Tasse Kaffee oder Tee in den Händen hielten. Trotzdem war die Plane zu klein. Auch Kekse gab es. Das Unwetter nahm an Regenmenge und Abkühlung stetig zu und so stellten wir fest, dass einige Kinder blaue Lippen bekamen und ganz erbärmlich zitterten. Während einige einen illegalen Pavillon im Gebüsch weit abseits entdeckten und darin Unterstand fanden, war der Rest der Gruppe auf der Suche nach warmen Kleidungsstücken für die Kinder. Ich fragte: „wo sind die Wechselkleider?“ die gab es bei den Eltern nicht. Sie verließen sich darauf, dass die Regenjacken für Ihre Kinder ja reichen würden. Mit Kälte hatte Keiner gerechnet. Nun war ich gefragt: „Wie kriegen wir die Kinder warm?“, bzw. zuerst einmal trocken. Ein Kleidersuchen begann. Alle machten nun mit, auch Erwachsene bibberten nun vor sich hin. Ein Handtuch wurde gefunden, eine Mitpaddlerin zog Ihre Regenhose noch im Regen aus und gab es einem der Kinder; ein Anderer gab sein „letztes Hemd“, und trug nur noch die Plaste-Regenjacke auf der Haut und fror ab dann auch vor sich hin.

Die Eltern rubbelten die Kinder immer wieder durch andere umschlossen diese, um sie zu wärmen -aber es wollte nicht gelingen. Mittlerweile hatten wir im Frühsommer Atemhauch vor dem Munde! „Wie kalt ist es denn! Das ist ja Winter!“ Entfuhr es Einem. Ich selbst konnte noch 1-2 Goldfoliendecken aus der ersten Hilfe geben. So wickelten wir längerfristig 2 Kinder ein. Es waren aber noch mehr Bekleidungskonzepte dem Temperatursturz und der Durchnässung nicht gewachsen. Nach über einer halben Stunde war auch aller Spitritus für ein Notfeuerchen verbraucht! Es war ja alles Tropfennass und nichts von dem vielen Gestrüpp hätte ein Lagerfeuer ergeben können. Erste umschlossen sich gegenseitig um zu wärmen. Für Singles war es jetzt schlecht -wer sollte sie denn umarmen?! Es regnete gut über 30 Minuten intensiv und ein kräftiger, eisiger Wind mit stellenweisem Hagel, zahlreiche Blitze, Donner – dann endete das Unwetter und entschwand ebenso schnell wie es gekommen war. Als Sonne und Wärme wiederkehrten und der Wind warm zur Ruhe kam, war Zeit die „Schäden“ zu beheben. Unsere beiden „Goldmariechen“ (wg. der Goldfolie) saßen nach wie vor im Kanadier und versuchten nun mit eigener Kraft warm zu werden. Eine gesunde Gesichtsfarbe stellte sich ein.
Es war alles verbraucht worden an Trinkwasser, Brennmittel und Teile des Verbandskastens, alle waren Tropfen nass und wollten beschleunigt paddeln um wieder warm zu werden. Man besann sich, welches Kleidungsstück am eigenen Kinde wem gehörte und versuchte es zurückzugeben, auch während die Gruppe Fahrt aufnahm. Als die Beschaulichkeit eines Sonntag-Nachmittages dann doch endlich uns überkam, begannen wir die Situation aufzuarbeiten: „Also das habe ich noch nie erlebt“ – ging es los. „ Warum hatten fast alle keine Wechselkleidung dabei? (stand in meiner Packliste), Warum waren die Regenjacken nicht trocken geblieben, sonder nass wie ein kalter Schwamm? Warum, Warum… Es gab eine lebhafte Diskussion unter den Paddlern. Auf einem Altrheinsee nun treibend, sich der Sonne aussetzend, tauten auch die guten Gedanken auf. Ich selbst hatte mit einer Tour von 2 Stunden gerechnet. Es wurden dann über 4 Stunden und ich war für diese Art Zwischenfall nur bedingt gerüstet. Kein großes Regendach wie es sonst obligatorisch ist, zu wenig Brennspiritus, zu-wenige Goldfoliendecken. Der Verein beschloss es in Zukunft besser zu machen und entwickelte eine eigene Packliste. Einige alt erfahrene Paddler, verbuchten dieses Ereignis als Einmalig in ihrer Vita. Auch sie hatten noch eine Extremsituation mehr kennengelernt. Ich bekam in Folge von den Mitpaddlern eine ganze Tüte voll Golddecken überreicht. Der Ausklang im Gasthaus war lang, kuschelig uns sehr kommunikativ.

Autor: derflusswanderer jörg, 2017