[DFL] – Kaleidoskop: Rheindrache

10 Jahre derflusswanderer – ein Grund auf dem Boden zu bleiben.

Die Berichte-Serie „Kaleidoskop“ gibt dem aufgeschlossenen Leser, Eindrücke, Einsichten, Ansichten und Anektoden zwischen den Zeilen des Angebotes…..

Zu Beginn einer Tätigkeit ist man noch voller Illussionen und lässt sich vieles von „erfahrenen“ Paddlen, Ausbildern, Schulungsleitern sagen. Das ist gut, aber irgendwann musst du über das Hinauswachsen. Denn nur weil dir etwas logisch erklärt wird, heißt das noch lange nicht, dass es auch so abläuft. Oder unlogisch wirkenden Gefahren unreal seien.

So ähnlich ging es mir, als ich anfing meine ersten Schulungsinhalte meiner Kanutouristiker-Ausbildung bei der damaligen BKT umzusetzen. Üblicherweise hat die Groß-, oder Motorschifffahrt immer ein Schattendasein in der Ausbildung von Wanderkanuten geführt -wenn diese überhaupt einmal an jenem sehr schattigen Themenrande erwähnt worden ist!
So trug es sich zu, das ich mit einer ängstlichen Paddlerin nach deren traumatischen Erlebnis sie wieder an das Boot gewöhnen versuchen sollte. Es war unter uns abgesprochen, ebenso das Programm.
Nach einer Fahrt in schönen, fast stillen Altrheinarmen, stand nun auch die Rheinfahrt an. Die Wellen und der Wind waren günstig, der Pegel etwas niedrig. Auch diese Fahrt schien entspannt kurz vor dem erfolgreichen Ende zu stehen. In einiger Entfernung, hinter einer Kurve, tauchte ein riesig wirkender Schubverband auf. Er schien 3 Etagen Container über der Bordwand geladen zu haben. Schön bunt war es anzusehen. Das Führerhaus war auf einer Art Hebearm angebracht. Diese Art von Riesenschiffen begegnete mir dann immer häufiger – und das wäre jetzt kein Problem gewesen; aber es kam ein Weiteres hinzu, das Erste überholend. Ich ahnte nicht, was das zu bedeuten hätte. Mir war schon klar, das es sich bei solchen Manövern um eine Art „Elefantenrennen“ handelt. Nur auf den Rhein hat das eine ganz andere Qualität als auf der A6 zwischen Autobahnkreuz A5 und Heilbronn-Untereisesheim– ich sollte es bald erleben. Während sich das „Überholrennen“ uns zu Berge annäherte, treiben wir unbemerkt immer schneller zu Tale. Ich folgerte, dass die Strömung an der Kurve eben schneller und zur Flussmitte hin mehr zieht. Das war in dieser Situation aber nicht ganz richtig: Nun sah ich dass die Wackersteine über 1 Meter trocken lagen, und der Pegel sank immer weiter! Ich gab Anweisung an meine Mitfahrerin und so schafften wir die letzte Buhne vor der Öffnung in den Altrhein. Immer tiefer sank der Pegel. Die beiden Großschiffe hielten nun voll auf uns zu, (es lag an der Optik in der Kurve- und an deren Kurs!) es war kein Platz mehr voraus. Da wir in den Altarm wollten, passte das ja gut – nur – was war geschehen! Der Pegel war an die 2m gesunken. Ich rede ab hier von Sekunden-Augenblicken. Von unten kamen Steine heraus es zog uns zu den Großschiffen hin! Die Öffnung – nun voraus- stieg über unsere Köpfe empor als erhöbe sich ein Drache mit Schuppenzacken auf dem Rücken und ein Wasserfall durch Wackersteine hindurchflutend stand uns plötzlich entgegen!!! Wir beide setzten auf, ungefähr 20m vor der Dammkante. Wasserdruck wie aus einem Eimer spülte uns zurück in den Verdrängungssog der Schiffe, Einige Wackersteine verkanteten mein Boot, ich wäre beinahe gekentert. Ich nahm viel Wasser auf! Volle Kraft voraus suchte ich meinen Kiel auf die Steine zu setzen und machte mir große Sorgen um meine Kollegin! So erlebten wir die sich in den Rhein entleerende Altarmöffnung. Wir schauten uns nun beide kurz an, auch sie war bis zu diesem Augeblick mit sich vollauf beschäftigt – und zum Glück noch da! „Das Wasser strömt zurück!!“ rief ich im Getöse den Wasserfalles und der Schiffsmotoren hinter uns. Die Wellen hoben nun meine Boot von hinten an wie bei einer Schiffschaukel. Der Bug quetschte gegen die glitschigen Wackersteine – ich kam mir vor wie auf einem Drahtseil und versuchte den Bug aus der Steinverkeilung zu lösen. Das Boot knarrte gewaltig – aber es hielt. Plötzlich rutschte der Bug raus und ich schwamm eben auf einer Art „Surfwelle“. Wir beide sahen noch ein-zwei Meter voraus die bedrohlich wirkdenden „Zähne“ im grünen Dunkel des Rheines verschwinden, bevor wir in den Altarm hineingespült wurden. Vom Schwung angetrieben hielten wir gerade noch so unsere Paddel fest. Ich war völlig perplex. Sie fragte mich: „Jörg – was ist passiert!?!“ gemeinsam sprachen wir über jene Schreckenssekunden in denen wir wirklich keinen gedanken mehr frei hatten, ausser auf das was es zu Begreifen gab.
Nun hatte meine Kollegin das für sich positiv gewertet. Dieser ernstfall habe ihr gezeigt, dass sie wirklich keine Angst zu haben brauche; ja es war geradezu Schicksalhaft dass eben genau Sie das so durleben hat müssen. In folge war ich allerdings an mir und meinen Lebensweg zweifelnd: Da hatte ich nun Zeit, Mühe und Eifer darauf verwendet, einen allzeit sichere Fahrt für meine zukünftigen Kunden zu gewähren und komme in derartige Ausnahmesituationen, an Belastbarketisgrenzen von Mensch und Material – in Todesängste.
Heute sehe ich, dass es nichts sträflich vernachlässigteres gibt, als die Binnenschifffahrts-Ausbildung der Kanuten. Weitere Erlebnisse wie Kentern im Winter, zerberstende Faltboote auf Felsen, Von Rheintonnen umgepflügt zu werden, etc. das alles galt es in 10 Jahren danach noch zu erleben. In allem galt es das zu verstehen und besser, sicherer zu machen.
Heut wirkt derflusswanderer immer wieder etwas „amtlich“ wenn ich die Konditionen für den Besuch von Kursen beschreibe. Das hat seine Gründe darin. Anfängern wähle ich einen maximalen Sicherheitsrahmen. Fortgeschrittenen verlange ich Sicherheit ab!
Keiner kann für Dich auf dem Rheine (oder den Engstellen des Unteren Neckars z.B.) Verantwortung übernehmen.

Autor: derflusswanderer 2017