[DFL] – Kaleidoskop: Taubermücken

10 Jahre derflusswanderer – ein Grund auf dem Boden zu bleiben.

Die Berichte-Serie „Kaleidoskop“ gibt dem aufgeschlossenen Leser, Eindrücke, Einsichten, Ansichten und Anektoden zwischen den Zeilen des Angebotes…..

Taubermücken

Immer wieder werde ich gebeten an fernen Orten, außerhalb meines ohnehin schon ausgedehnten Revieres eine unserer Fahrten abzuhalten. Zuerst verweise ich natürlich auf den regionalen Anbieter und bitte darum, doch bei diesem zu buchen, da ökologisch sinnvoll, deutlich günstiger usw. Auch denke ich immer wieder an den Riesenaufwand all die Boote in unserem Kombi zu laden, ja kein Teil zu vergessen, und dann der komplette Aufbau, nebst Zelt – und dabei würde ich mich doch am liebsten in das Gras legen und am Ufer erst einmal nichts Tun.
Nun – Paddler aus der Region Taubergiessen baten mich mehrfach ich solle kommen und wollten partout keinen Ortsansässigen aus für mich nachvollziehbaren Gründen. Also konnte ich auch nicht mehr Nein sagen.
Natürlich begann ich eine Recherche von Campingplätzen und ich war nicht zufrieden. Über einige Kartenstudien, alte Führer, Tourismusbüros, Rathäuser, Vereine kam ich keinen Meter weiter – der Termin rückte immer näher! Nun begann ich intuitiv Telefonate mit ganz untypischen Adressen und immer abwegigeren Denkwegen, meinen Platz zu finden, – Tataa!!!: Eine Gartenlaube am Taubergiessen war gefunden!
Die Anfahrt durch Gehölz, Einspurige- und Schotterwege, machten deutlich, dass diese Lokation bestimmt kein Paddler kennt (und das bleibt auch so!).
Die große Tour war mit unserem (die Flusswandererfamilie) zu gründenden Vereine „DFWL“ zu fahren. Die Vorbereitungen waren in der Fremde immens: alles Aufbauen, alles abfahren mit dem Auto, Einheimische fragen, alte Karten auf neuen Straßen deuten, inmitten hoher Felder die Richtung verlieren, Fremde fragen: hinter welchen dieser Büsche ein Paddler sein Boot zu Wasser lässt, häufiges Kopfschütteln der Bauern – und es war heiß. Wasserpumpe prüfen, Schloss klemmt, also knacken, etc. während die Truppe schon kam.
Des Abends schnelle Bersprechung mit dem was ich ein-zwei Stunden zuvor alles erroiert hatte, Packlisten prüfen, Umpacken und helfen die Zelte zu stellen. Schnell kam Nacht und heller Morgen.
Manchen musste das Kollektiv antreiben um den angenehm kühlen Morgen zu nutzen. Sollte die Sonne brennen – und es war jeden Tag mitten um die 30 Grad – wollten wir unter dem Blätterdach des Waldes, das den Taubergiessen umgibt, verschwunden sein. Kaum angekommen begann auch die Zeit davonzurennen: im Eiltempo zeigte ich den Bootsaufbau den sachfremden Mitpaddlern, baute selbst und gab Hilfestellung den Motivierten. Nach 45 Minuten waren alle 6 Boote errichtet und beladen an der Wasserkante. Ich gab eine Einsteige- und Strömungsanfahrt vor, denn das Wasser schoss aus einem Rohr an der Einsetzstelle vorbei, dass es einen hätte umwerfen können.
Ich freute mich am erfrischenden Nass, hatte ich doch selbst keine Zeit mehr zur Morgentoilette gefunden.
Es war nun 09.00 gewesen und wir trieben durch letzte, nachtkühle Senken des Flusses während der Planet (Sonne) zu brennen begann. Die Strecke lief gut, aber alles Kartenmaterial war unanwendbar. Ich folgte der Strömung und immer wieder bestieg ich einen Damm um zu sehen, ob dahinter etwas fließt. So kamen wir zu einem Ende der Strecke am Hauptrheindamm. Ich erkundete die Lage und fand eine neue, aktuelle Karte: tatsächlich mussten wir zurück und an einer stark saugenden Öffnung umtragen. Ich fuhr voraus und warf Leinen zu um ein „unter der engen Brücke auf einen Wasserfall durchgesogen“ zu werden der Boote und Leute zu verhindern. Nicht jedem gelang das Fangen des Seiles aus 4 m Entfernung. Mitpaddler aus anderen Sprachen lächelten, aber verstanden nichts – auch nicht, das dass eigene Boot gleich über eine Wasserfall gehen würde – das wurde mir jetzt im ungünstigsten Moment klar! Sie reagierten dann doch auf unser lautes und mehrfaches Rufen und Deuten – und dem zweiten Seilzuwurf. Die erste Umtrage führte über eine Landstraße hinab am tosenden, kleinen von groben Wackersteinen durchdrungenen Wasserfall vorbei. Kein Faltbot hätte dieses „Granit-Waschbrett“ überstanden. Der Fluss war zu eng für ein Ablegen gegen die Strömung. Käme ein Boot quer, würde es an Bug und Heck mit dem Lande verklemmen und in den Fluten zerbrechen. So musste ich im Wasser stehend das Boot am Heck festhalten und instruierte die Besatzung zu paddeln was das Zeug hält – aber gerade bitte! Ich war mir jetzt nicht sicher, ob das alle auch wirklich verstanden haben, oder Einzelne bereit waren, etwas mehr Leistung für diesen Augenblick zu zeigen. Immer wieder wunderte ich mich, wie man einen Fluss so hydrodynamisch allerungünstigst hat bauen müssen. Immer wieder Brücken mit Wackersteinen in der Durchfahrt – im dunkel- ,damit man ja nicht sieht ob man auf Grund setzt. Immer wieder Schwälle im erfrischenden hellen türkisblau des Taubergiessen -ein Traum in hellblau, umgeben von dunkelgrünem Tann-herrlich! Der Ludwigskanal wird erreicht. Das Wasser ist nun grünlich klar wie Flaschenglas. Ein Sogrohr gefährdet den Aussteig. Über eine Zaunlandschaft mit breiten, glühend heissem Schotter der Mittagszeit und zwei Dämmen erinnert das an eine Art Grenzwall mit Minen und Wachtürmen. Die Umtragerei dauert ewig. Bootswägenhätten kaum eingesetzt werden können.
Im Kanal suche ich über ein Überlaufrinne zu kommen uns stosse mit dem Bug an einen Baumstamm, an dem sich ein ballen Lind-/giftgrüner Schaum befindet. Bevor ich diese Kollission wahrnehme, explodiert daraus förmlich ein Schwarm stecknadelkopfgroßer, rundlicher Fliegen, alle greifen mich an! Ich patsche um mich auch unter dem Hemd, in der Nase in den Wimpern in den Ohren – überall krabbelt und sticht es! Nach ein paar Sekunden ist der Spuk vorbei – doch er sollte nicht ohne Folgen bleiben. Nach der Umtrage ist das Wasser gewöhnlich dunkel-milchiggrün, Weiden, Teich- und auch Seerosen(!), Wassernuss, Pfeilkraut, Misteln alles wie auf den übrigen Altrheinarmen der Region. Die Sonne drückt, Schatten lädt zum verweilen ein, Trinkwasser geht zur Neige. Doch die Windungen wollen nicht enden, immer noch kommt Abzweig auf Abzweig und wehe du weisst nicht wo du bist. Immerhin konnte nun mit viel Wachsamkeit das eine oder andere Schild am Baume gefunden werden, auch wenn man immer mal der Trauerweide die Äste anheben musste. Immer wieder enge Stellen in denen die Langsam-Paddler hätten querschlagen und zerbrechen können. Immer wieder Stop und Einteilung der Taktung, so dass jedes Boot im Schwall genügend Platz zur Fahrt hat und nicht eines auf das andere aufläuft und hier die schlimmsten Unfälle verursachen kann. Immer wieder Vorfahren, Auskundschaften und die Gruppe im Schatten warten lassen. Es gab nun Momente im trägen Wasser und flirrender Hitze, wo man meinte, man käme nie an, Dann auch der Albtraum eines jeden Taubergiessen-Paddlers:; die Route wurde verlegt! Immerhin war das Sperrschild nagelneu glänzend und weithin zu sehen. Keine Sorge – es blieb nur bei einem gut lesbaren Schild auf 23 km.

Nun war mein Kartenmaterial auch flächenmäßig zu Ende. Ich führte also noch aufmerksamer die Gruppe ausserhalb des Kartenrandes. Bei einem verwitterten, mit dem Baume in die Höhe gewachsenen, handtellergroßen Schilde – äh – wirklich?!? ist das nicht eine Stück Rinde??? Mist ich sehe das so schlecht da oben im Schlagschatten -mit Sonne in der Pupille. Es war richtig geraten!!! In 300m Entfernung über glühend heißem, schattenlosem Schotterweg einem Dann hinauf, kamen wir an die Grenzen der Belastbarkeit. Die Bootswägen wären bei der ursprünglich beschriebenen Abzweigung ja nicht nötig gewesen, aber 2 Flussarme weiter weg… Auch hatten wir sie ja ohnehin bisher nicht brauchen können. Tja – da half jetzt alles Klagen nicht mehr, wenn nur diese Erschüpfung und der anbrechende Abend nicht wären. Es war ja schon nach 18.00 – aber immer noch heiß. Wir fanden das neckische Treppchen das an einen Schwallrohr unter dem Damm einen Steg simulieren wollte. Der gewaltige Schwall schoss die Boote gerade zu auf mehrere Haufen Wackersteine. Ein Umfahren, anfahren, treideln oder an den Steinen aussteigen war undenkbar. Es war wie ein Wasserfall! Sollten mir jetzt sämtliche Boote zu schaden kommen -jetzt nach der letzten großen Umtrage? Ich überlegte und entschloss: Einer setzendie Boote am Steg in Fahrtrichtung ein und ich fing sie im Schwall auf und lies die Besatzung aussteigen, und über die Steine kraxeln bis nach den Wackersteinen. Diese Prozedere dauerte sehr lange und allmählich war mir nicht mehr gut..

Endlich – in Teilen erschöpft trieben wir mehr als paddelnd auf dem letzten Teilstück. Hoffentlich würden wir die Markierung am Ufer finden. Der Sonnenglast machte das Spähen in die Baumschatten schwer. Die Tierwelt war in Gänze angetreten: Milan roter und schwarzer; Kranich, Reiher, Purpurreiher, Cormoran, Schwäne und Stockenten. Wir hatten uns, mit der in meinen Kursen vermittelten „Anzwinkertechnik“ angenähert und kamen auf – ich behaupte – 5 m ran! Ich meine jetzt keine Enten und Schwäne! Ich hatte bei der letzten Umtrage einen Langsampaddler an Bord übernommen, einen Gast aus dem fernen Auslande. Er freute sich wirklich über jede Stockende, lies sein Paddel fallen ruckelte im Boot nach der Kamera und fotografierte eine „Duck“ nach der anderen! Fortrieb – ausgeschlossen! Zum Glück war das wahrhaft seltene Wassergeflügel deswegen nicht beleidigt, das gewöhnliche Stockenten den Vorzug erhielten. Auch wenn es mir zunehmend schlechter erging, testete ich meinen Ententon aus und war doch sehr erfolgreich. Einige Jungenten waren bereits in Armlänge angeschwommen, bevor sie kapierten, wer sie da gerufen hatte. Es imponierte unseren Gast, da er etwas von Peking-Ente verstand. Endlich erreichten wir die erlösende Anlegestelle. Einige ließen sich Kentern, andere wie ich setzten uns mit den Füssen in das Wasser. Es war schon gut Abend, der Hunger war groß und bleierne Schwere überkam die eigene Geschöpflichkeit. Wir hörten noch einen Verleiher auf dem lautgestellten Handy iinstruktionen erteilen. Jemand hatte sich verpaddelt, wartete an einer Brücke im Sumpf hätte kein Wasser, war erschöpft, Kind weint- und wartete auf den Abholer – der sie nach Plan nicht gefunden hatte… Diesen Vorfall führe ich hier nicht weiter aus, er erklärte mir aber doch Vieles.
Ich holte mir von der Gruppe die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht was mit mir geschehen war: „War der Wasserfilter undicht, so dass ich mir Bakterien eingefangen hatte?“; „war ich etwa dehydriert trotz der 4Liter die ich selbst verbrauchte?“ „war es Unterzucker – eine Entkräftung?“ War es kalt geworden – nö!“ ich wusste es nicht. Nach dem Abendessen war ich apathisch im Zelt gelegen und hatte Schüttelfrost, dann Fieber, Durchfall. Am nächsten Tag hatte ich überall eitrige, stark juckende Pusteln abbekommen. Es waren Hunderte! Meine Hautfühlte sich an wie Plastik – etwas stimmte nicht mehr. Daheim stellte meine Hautarzt fest, ich sei eine Sehenswürdigkeit und holte seine Kollegin herbei. Die einmalige Symptomatik -erklärte er freudig erregt, sei ein „Hinweis auf eine Insektenstich-Vergiftung! „Jetzt kam mir auch wieder die Mückenattacke am Kanal in den Sinn. Eine Teilnehmerin zweifelte schon an meiner psychsichen Leistungsfähigkeit: „Das musst du doch aushalten können – das machst Du doch beruflich…“

Autor: derflusswanderer 2017